22. Schmerz

Wenige Minuten später erwachte Merlin unbemerkt von den beiden. Er war zuerst völlig desorientiert, bis ihm alles wieder einfiel. Er hatte mit Morgana gekämpft, in der Arena - und sie hatte ihm die Kräfte geraubt; so, wie er es befürchtet hatte. Dennoch schien er überlebt zu haben… Wo war er? Langsam sah er sich um. Er schien wieder in der Zelle zu sein, zusammen mit Leeana, Elle und Jade…

Plötzlich hatte er ein ziehendes Gefühl in der Magengegend. Etwas stimmte hier nicht. Und dann bemerkte er Elle und Jade, die über etwas - oder jemandem? - hingen und zu weinen schienen? Merlins Mund wurde trocken. Was war hier los? Langsam ging er auf die beiden zu, er war noch etwas wackelig auf den Beinen. Er konnte nicht sehen, worüber sie sich gebeugt hatten, und dass Leeana fehlte, war ihm auch noch nicht aufgefallen… Vermutlich war er noch etwas zu desorientiert um dies zu bemerken. Dann räusperte er sich und sprach: “Was ist hier los? Kann mir das mal jemand sagen, bitte?”

Elle und Jade fuhren herum. In der Zeit der Trauer um Leeana hatten sie tatsächlich Merlin ganz vergessen. Elle wischte sich die Tränen aus dem Gesicht, dann umarmte sie ihn: “Merlin… Oh Gott, es hat tatsächlich funktioniert; er hat dich freigelassen…” Merlin verstand gar nichts. Er schob zuerst sanft Elle von sich, dann fragte er, direkt an sie gewandt: “Wer hat mich freigelassen? Von was redest du?” Elle blickte ihn an. In ihren Augen stand so eine Trauer und Mitgefühl, dass es Merlin ganz kalt wurde. Etwas war hier geschehen und es gefiel ihm ganz und  gar nicht. “Was ist los? Sag es mir!” Elle nickte. Sie nahm seine Hand und drückte sie leicht, dann zog sie sich etwas von ihm fort und gab so den Blick auf Leeanas Leichnam frei. Merlin blickte fassungslos auf ihren Körper und konnte zuerst nicht glauben, was er sah. Er schloss die Augen. Das war nicht real! Das DURFTE nicht real sein.. Dann öffnete er sie wieder, in der Hoffnung, dass das Bild verschwunden sein würde, doch das war es nicht. Leeana lag immer noch vor ihm, und er wusste, dass sie tot war. “Was… Leeana?? LEEANA!!” brüllte er schließlich, und stürzte zu ihr. Jade hatte ihm Platz gemacht. Jetzt war seine Zeit der Trauer; sobald er wirklich begriffen hatte, was geschehen war…

Merlin umschlang ihren Leib und presste sie an sich. Das konnte nicht sein! Sie durfte nicht tot sein! Nicht sie! Doch schließlich begriff auch er, dass es wirklich so war. Leeana war tot und ein unfassbarer Schmerz durchströmte ihn. Und Wut. Jemand war hier gewesen und hatte sie getötet! Nur so konnte es gewesen sein! Während er mit Morgana gekämpft hatte, war jemand hier gewesen und hatte seine Leeana getötet - und er hatte ihr nicht helfen können! “Wer”… presste er schließlich durch die Zähne, sein Atem ging stoßweise. “Wer war das??” Elle sah ihn an. Zuerst wollte sie ihn fragen was er meinte, doch dann begriff sie: Er ging davon aus, dass jemand sie getötet hatte, gewaltsam… Langsam schüttelte sie den Kopf: “Nein, Merlin.. Niemand hat sie getötet.. Es war… anders…” Sie wusste nicht, wie sie es ihm erzählen sollte, denn sie ahnte, dass es zuviel für ihn sein würde, wenn er erfuhr, welches Opfer Leeana für ihn gebracht hatte: Und doch musste er es erfahren.

Merlin sah sie an: “Was? Was meinst du, niemand hat sie getötet? Wie kann das sein? Wie ist sie sonst gestorben? REDE!” Er war lauter geworden und Jade begann erneut zu weinen. Das ganze war beinahe zuviel für sie. Elle schluckte und zog ihren Schützling an sich. Merlin schloss kurz die Augen. “Es tut mir leid… Ich wollte nicht…” “Schon gut. Es ist in Ordnung. Ich verstehe dich… Hör mir zu, bitte. Es ist nicht leicht, dir das zu erzählen, was ich nun berichten muss… Du erinnerst dich noch daran, dass du zusammen mit Morgana fortgebracht wurdest? Wir haben bereits vermutet, dass ihr gegeneinander antreten musstet.. Doch was geschehen ist, konnten wir natürlich nicht sagen…” Sie merkte, dass sie abschweifte und atmete noch einmal tief durch; dann kam sie zum Eigentlichen: “Doch dann, nach gefühlten Ewigkeiten, wurdest du zurück gebracht, in diese Zelle…” Sie stockte noch einmal und blickte Merlin in die Augen. “Du warst tot, Merlin. Du lebtest nicht mehr, als dein Leichnam hierher zurück gebracht wurde.. Leeana ist beinahe verrückt geworden und sie hat etwas gesagt, was schließlich ein Wesen hierher gebracht hat, das anscheinend immun gegen die Magiebarriere ist, die uns hier umgibt” Merlin starrte sie an. Ein Wesen, das sich gegen die Barriere stellen konnte? Hatte es sie angegriffen? Er verstand immer noch nicht: “Was für ein Wesen?” fragte er schließlich.

Elle seufzte, dann fuhr sie fort: “Ein Seelenverwahrer”, sagte sie schließlich: “Ein Seelenverwahrer, der dafür zuständig ist, die Seelen gerade Verstorbener solange bei sich zu halten, bis der Tod kommt und sie mit sich nimmt. Deine Seele hatte er noch und er sagte, dass er auf Leeana aufmerksam wurde… Merlin, ich muss es dir jetzt sagen: Sie hat ihre Seele für deine gegeben. Deswegen ist sie jetzt tot. Sie hat ihre Seele für dein Leben geopfert. Damit du wieder leben kannst. Und sie sagte, dass sie dich liebt. 
Du  sollst nicht glauben, dass ihre letzten Worte an dich ihren Gefühlen entsprachen. Sie liebt dich, Merlin! Das sollte ich dir ausrichten - dann ist sie mit ihm gegangen…” Elle blickte auf den Boden, sie konnte Merlin nicht mehr in die Augen sehen…

Merlin hatte ungläubig zugehört. Das konnte nicht wirklich Elles Ernst sein! “Nein…” sagte er schließlich, mit einem Blick auf Leeanas Leichnam. “Das, das ist nicht wahr! Sag mir, dass das nicht wahr ist! Er hat sie gezwungen! Dieses Wesen kann sie nur dazu gezwungen haben, das zu tun!…” Er kam nicht weiter. Elle schüttelte den Kopf und ließ ihn nicht ausreden: “Nein, Merlin, das hat er nicht. Er hat definitiv zu ihr gesagt, dass der Wechsel der Seelen nur dann funktionieren kann, wenn sie es freiwillig tut. Anders wäre der “Deal” zwischen ihnen nicht zustande gekommen. Sie ist für dich gestorben, Merlin. Weil sie dich über alles geliebt hat…” Nun war sie es, die nicht weiter kam. Merlins Augen waren rot. Sein Gesicht war schmerzverzerrt, denn jetzt kam ihm erst in den Sinn, was Leeana für ihn getan hatte. Er war tot gewesen und sie hatte ihr Leben geopfert um ihn zurück zu holen? Das konnte nicht wahr sein! Dann sah er Elle an und in seinen Augen blitzte es: “Wieso hast du sie nicht davon abgehalten? Du hättest es verhindern müssen!” brüllte er sie beinahe erneut an.

Elle ließ es geschehen. Im Grunde dachte sie ja genauso. Dennoch schüttelte sie den Kopf und sagte in sanften Ton: “Ich habe es versucht. Doch dieses Wesen hatte selbst hier Kräfte. Vielleicht, weil er mit dem Tod verbündet ist? Ich weiß es nicht. Jedenfalls hat er meine Stimme abgeschaltet; ich konnte mich nicht mal bewegen… Und selbst zu Beginn, als ich es noch konnte, und sie gebeten habe es nicht zu tun, habe ich ihre Willenskraft und ihre Überzeugung gespürt! Ich hätte sie nicht davon abhalten können, Merlin.
Egal, was ich versucht hätte. Und mit Gewalt zu arbeiten entspricht nicht meinem Naturell! Ich weiß, es fällt schwer Merlin, doch du musst es akzeptieren. Beflecke ihren Tod nicht dadurch, dass du ihn nicht akzeptierst und respektierst…” Dann schwieg sie. Sie hatte genug gesagt…

Merlin war fassungslos. Sein Schmerz war unbeschreiblich. Zuerst wollte er Elle anschreien, sie erneut dafür verantwortlich machen, doch dann wusste er, dass sie recht hatte.
Es änderte nichts daran, was geschehen war. Langsam nahm er erneut Leeanas Körper, der langsam immer kälter wurde und drückte ihn an sich. Er streichelte sie. Immer und immer wieder strich er über ihr Haar und ihren Körper und wiederholte die gleichen Worte: “Ich liebe dich! Oh Herr… Wieso hast du das getan, Leeana? Wieso hast du so ein großes Opfer gebracht?”… Dann brach er über ihr zusammen. Merlin weinte, wie er schon lange nicht mehr geweint hatte. Das letzte Mal, als er seine Eltern in dem von Uther Pendragon zerstörten Heimatdorf gefunden hatte. Doch dieses Mal übertraf seine Trauer selbst das. Und er erinnerte sich ebenfalls an das letzte Mal, als er geglaubt hatte, sie verloren zu haben, als sie sich ebenfalls für ihn beinahe geopfert hatte. Damals, im Kampf mit Lucernas Biestern, als sie durch den Spiegel geflohen waren… Doch da gab es Hoffnung, denn sie hatte magische Steine, die ihre Seele eingefangen hatten. Dieses Mal hatte er diese Steine nicht. Es gab keine Hoffnung mehr für sie und Merlin war sich dessen bewusst. Die unbeschreibliche Trauer wuchs von Minute zu Minute und er wusste nicht, wie er damit umgehen sollte. Er hielt den Schmerz nicht aus…

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Christal, 31
Traumland